Der Unterschied ist so gering, dass man wirklich mehrmals hinschauen muss, um feststellen zu können, ob es sich bei seinem Gegenüber um einen echten Nerd im klassischen Sinne handelt, oder vielleicht doch viel eher um einen Berliner Mitte-Hipster, der seit den letzten Jahren vermehrt zu sehen ist. Um meinem Gedankengang folgen zu können, möchte ich die Situation kurz beschreiben. In Berlins Mitte sitzt eine große Bibliothek, die nicht mehr nur dem fleißigen Lernen dient, sondern scheinbar auch ein Aufenthaltsort für junge trendige Menschen geworden ist, die sich gerne präsentieren und gesehen werden. Schade eigentlich, denn das Gebäude könnte an sich einfach so dienlich sein. Nähere Kritik möchte ich dazu aber nicht äußern, weil ich dort selbst viel zu oft und zu gerne bin. Als ich heute gerade meine Pause machte, fiel mir eine Gruppe von drei jungen Männern auf, die dem Bild eines klassischen Nerds, das wir noch von früher kennen, in etwa eins zu eins entsprachen. Voller Bart, Seitenscheitel, blaue Jeans mit Bügelfalte, deren Bund oben zu hoch und unten zu tief saß, ein graues Flanellhemd darauf und als Abrundung des Ganzen: eine große Brille (Variationen: grau, schwarz, beige!). Unscheinbare Schuhe rundeten das ganze Outfit ab und ich musste tatsächlich einen Moment lang überlegen, ob ich drei Steve Urkels oder doch drei trendige Jungs aus dem Bezirk Mitte vor mir hatte. Nicht, dass es von großer Bedeutung wäre, sein Gegenüber in die Kategorie „trendy“ oder „untrendy“ einordnen zu können – das möchte ich an dieser Stelle nochmal betonen- wir Menschen neigen aber dazu Kategorien zu bilden, durch deren Existenz wir uns einfach sicherer fühlen und in diesem besonderen Fall war es mir einfach eine unendliche Freude, die Berliner-Mitte-Mode zu untersuchen und vielleicht Zeuge davon zu werden, wie gering die Schwelle zwischen vermeintlich gutem und schlechtem Geschmack sein kann. In diesem Sinne also zurück zu meiner Männergruppe, die ich weiterhin begutachtete und meinen Blick nicht von ihnen nehmen konnte. Direkt fiel mir auf, dass sie alle sehr selbstbewusst und offen schienen, sodass sich, befänden wir uns in Gruppe eins, zumindest ein bekanntes Klischee der Schüchternheit und Unsicherheit nicht bestätigt hätte. Um dem ganzen jedoch auf die Schliche zu kommen, zähltenen kleinste Feinheiten: Dafür, dass die Kleiderwahl willkürlich und unbedacht hätte sein sollen, sahen sich alle eindeutig zu ähnlich. Weiter fiel mir eines ins Auge, das den anfänglichen Verdacht bestätigte, dass es sich bei diesen Jungs um echte Modejunkies handelte: an einer der Jeans konnte ich in großen Buchstaben COS erkennen – ein eindeutiges Indiz dafür, dass sein Träger sich bewusst und nicht aus Desinteresse für sein Outfit entschieden hat, denn wer kauft sich schon eine verhältnismäßig teure Hose, wenn ihm seine Kleiderwahl vollkommen egal ist? Bei dieser Erkenntnis musste ich schmunzeln, denn irgendwie waren sie doch komisch, die drei Jungs. Ein weiteres Beispiel für mich, dass es nicht ratsam ist, jedem Trend zu folgen und dass das, was vielleicht anfangs als individuell galt, nunmehr zu oft gesehen und deshalb vielleicht auch verspottet wurde. Und deshalb sahen sie auch witzig und nicht cool aus, weil sie es einfach viel zu sehr darauf angelegt haben… So ist das leider manchmal. Aber immerhin war meine Pause überaus amüsant.
